„Ach, hätte ich doch. Dann wäre vieles anders gelaufen.“ Hast du dir diese Sätze auch schon einmal gesagt? Falls ja, geht es dir wie vielen anderen auch. In diesen Gedanken steckt ein Zweifel, ein Kummer über Dinge, die wir nicht mehr ändern können – die ein für alle Mal vorbei sind, weil wir uns vor langer Zeit für das scheinbar Falsche entschieden haben. Oder war es nicht verkehrt? Victoria setzt sich mit einer verpassten Chance in ihrem Leben auseinander und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis.

Warum habe ich nicht Psychologie studiert?

An nassen und ungemütlichen Sonntagnachmittagen, an denen sich die Zeit unangenehm dehnt, fällt mein Blick manchmal auf mein Bücherregal. Dann sehe ich das unterste Fach und die alten Fotoalben, die so viele Erinnerungen in sich tragen.

In diesen Momenten ziehe ich mir eines heraus und blättere durch die Seiten. Im Grunde kenne ich die Motive auswendig, aber die Zeitreise macht trotzdem Spaß. Ich betrachte die alten Studienfreund:innen auf unseren verrückten Motto-Partys. Ich sehe mein glückliches Gesicht am Tag meiner letzten Prüfung und lache über die Fotos von meinem Umzug. Auf dem Weg von der Unistadt Münster bis ins rheinische Köln sind all meine Blumen im Transporter kaputtgegangen. Aber das machte nichts, weil diese Tatsache in der Aufregung über meinen ersten Job als Journalistin untergegangen ist. Doch dann blättere ich auf die letzte Seite des Albums um und fange an zu grübeln.

Mein Geschichtsstudium war zu unüberlegt

Als 21-Jährige habe ich mich dafür entschieden, Geschichte zu studieren. Das Fach hat mir in der Schule Spaß gemacht und die Kolleg:innen aus der Zeitungsredaktion, bei der ich nach dem Abitur ein Praktikum gemacht hatte, fanden das gut. Im Grunde hatte ich allerdings zu wenig Ahnung. In dieser Phase war ich so aufgekratzt, wie es mit meinem Leben weitergehen könnte, dass ich mich nicht in Ruhe mit meinen Interessen auseinandergesetzt habe. Und so saß ich später in den Hörsälen der Westfälischen Universität Münster, um Vergangenes zu studieren und Referate über Caesars Ackergesetze zu halten. Nichts von dem, was damals auf meinem Stundenplan stand, brauche ich heute noch. Stattdessen habe ich mich im Laufe der Jahre immer mehr auf Psychologie-Themen spezialisiert und darüber geschrieben.

Es wäre von Anfang an perfekt gewesen

Warum habe ich nicht Psychologie studiert, frage ich mich heute. Schließlich hat mich das Thema bereits als Jugendliche begeistert. Mir war zwar klar, dass ich Journalistin werden wollte, aber das hätte ich mit einem Psychologie-Studium ebenfalls machen können. Dann wäre ich gleich in die richtige Richtung marschiert.

Uff, dies ist dann der Moment, in dem ich das Fotoalbum wieder ins Regal stelle und ich mich aufs Sofa setze. Ich atme tief durch und versuche, mich zu beruhigen. Das Psychologie-Studium ist eine verpasste Chance, die ich nicht mehr nachholen kann. Zwar könnte ich theoretisch wieder zur Uni gehen, aber das lässt sich mit meinem Alltag nicht verbinden.

Was ich heute aus verpassten Chancen lerne

Früher bin ich in solchen Situationen in eine Grübel-Falle geraten und habe mich bedauert. Schließlich ist es ziemlich hart, wenn man den Lebensweg nicht zurückgehen kann, um von vorn zu beginnen. Aber mit diesen Selbstzweifeln habe ich inzwischen aufgehört. Denn im Laufe der Zeit ist mir einiges klar geworden:

  • Mein früheres Ich hat es so gut gemacht, wie es damals möglich war. Erst später kamen die Fähigkeiten hinzu, mich selbst besser einschätzen zu können. Das weiß ich heute zu schätzen und bin gnädig mit mir.
  • Genau diese Fehler haben mir gezeigt, worauf ich in Zukunft achten muss. Hätte ich sie nicht gemacht, wüsste ich es nicht.
  • Mein Weg hat mich auch ohne Psychologie-Studium dahin geführt, wo es sich richtig für mich anfühlt. Ich habe zwar nicht die Fachausbildung, aber schreibe trotzdem über die Themen, die mich interessieren.
  • Wer sagt eigentlich, dass ein Psychologie-Studium das Richtige gewesen wäre? Auch das ist im Grunde eine unbekannte Größe.
  • „Win some, lose some“, also übersetzt: Manchmal gewinnst du, manchmal verlierst du. Wenn ich ehrlich bin, gab es in der Vergangenheit auch einige Chancen, die ganz unverhofft kamen. Ich muss mir also eingestehen, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Jede verpasste Chance steht einem Glücksfall gegenüber.

An jedem Tag ist ein Neuanfang möglich

Etwas anderes stimmt mich zudem versöhnlich. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen zufriedener leben, die sich mit verpassten Chancen aussöhnen können. Deshalb sehe ich es genauso. Ich kann vielleicht einige Dinge nicht mehr ausüben, aber andere Türen stehen mir weiterhin offen. So viele Frauen jenseits der 45 Jahre beweisen jeden Tag, wie wunderbar ein Neuanfang sein kann. Diese Wendungen liegen jenseits des klassischen Wegs, aber sie sind trotzdem zauberhaft.

Denkst du auch manchmal über eine verpasste Chance in deinem Leben nach? Wie gehst du damit um? Schreib uns deine Erfahrungen gern in die Kommentare.