Wir haben wieder einmal eine inspirierende Frau kennengelernt, deren Geschichte wir euch nicht vorenthalten möchten. Eine Frau, die weiß, was sie will: Annette Hensel hat mit 51 Jahren entschieden, nach zehn Jahren Fernbeziehung in traumhafter Kulisse zu heiraten.

Ihr Lieben, macht euch einen Spritz, lehnt euch entspannt zurück und stellt euch einen sonnigen italienischen Vormittag vor: Ein elegantes Motorboot gleitet durch das glitzernde Wasser des Lago Maggiore und nimmt Kurs auf das Seeufer. Der Mann am Steuer trägt eine ganz besondere Verantwortung, denn bei seinem einzigen Passagier handelt es sich um eine Frau, die in Kürze ihrem italienischen Freund das Jawort geben wird. Der Name der Braut: Annette Hensel, 51, aus Berlin.

Ihr Ziel befindet sich auf der östlichen, der lombardischen Seite des Sees. Etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt Luino liegt eine historische Hotelanlage aus dem 19. Jahrhundert, das Camin Hotel Colmegna. Hier wird Annette an diesem Tag bereits von einer internationalen Gästeschar aus Deutschland, Italien, Österreich, Frankreich, Belgien und der Schweiz erwartet – und natürlich von Marco, ihrem zukünftigen Ehemann, ihrer bisherigen Fernbeziehung. Die Trauung vollzieht ein Freund von Marco, der auch der Bürgermeister von Luino ist.

Lampenfieber? Nicht doch! Am großen Tag ist Annette die Ruhe in Person. Die Gelassenheit des Alters machts‘ möglich:

Nach vollendeter Zeremonie wird bei angenehmen 25 Grad Celsius vor der traumhaften Kulisse der alten Jugendstilvilla inmitten einer herrlichen Parkanlage und mit Blick auf den See gefeiert. Dass dieser Tag im Nachhinein für alle Anwesenden ein rundum gelungenes Ereignis war, hätte sich so mancher vorher nicht träumen lassen – abgesehen von der Braut selbst: „Ich dachte immer, es wird schon gut gehen. Wir Deutschen müssen uns einfach davon frei machen, dass alles immer läuft wie geplant und schnell geht.“ Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit. Wer wie sie mit 51 Jahren das erste Mal heiratet, sei schließlich das beste Beispiel dafür. Die Komplikationen, erzählt Annette, begannen im Vorfeld schon mit der Organisation der notwendigen Dokumente, die man für eine Trauung im Ausland benötigt. Auch aus ihrer geplanten frühzeitigen Versendung der Einladungen wurde nichts. „Mein Mann meinte, es wäre üblich, die Gäste erst kurz vorher einzuladen. Dann würde es wenigstens niemand vergessen.“ Und auf das Menü einigten sich die beiden knapp zwei Wochen vor der Feier. Sogar Annettes beste Freundinnen Nicole, Claudia und Niki wurden ob der späten Planung leicht nervös.

Eines stand jedoch von Anfang an fest: der Ort, an dem Marco und Annette heiraten würden. Denn vor gut zehn Jahren, da war Annette Anfang 40, lernten sich die beiden im Restaurant von Marcos Bruder kennen, das nicht weit vom See entfernt liegt. „Es war total aufregend, wie immer am Anfang einer Beziehung“, sagt Annette. „Doch Marco hat es geschafft, mich auch langfristig aus meiner Komfortzone zu locken.“ Dieser geregelte Alltag war bis zu diesem Zeitpunkt größtenteils durch ihre Arbeit bestimmt. Seit über 20 Jahren führt die Berlinerin die Boutique für Frauenmode ANN LISSON im Ortsteil Schmargendorf. Jeden Monat reist sie nach Italien, um Ware zu kaufen. „Mode ist meine Leidenschaft“, so die Einzelhändlerin. „Ich liebe meinen Beruf, er erfüllt mich und dafür bin ich dankbar.“

Es stand daher für sie niemals zur Debatte, ihr Geschäft in Berlin aufzugeben – obwohl der Mann ihres Herzens seinen Lebensmittelpunkt rund 980 Kilometer entfernt hat. Von Beginn an führen die beiden eine Fernbeziehung. „So selbstbewusst und eigenständig wäre ich in jungen Jahren nicht gewesen.“ Noch heute ist es eine Liebe auf Distanz, die immer wieder Reibungspunkte mit sich bringt. „Durch mein Alter weiß ich, dass Liebe nicht automatisch bedeutet, an 365 Tagen im Jahr vor Glück zu platzen.“ Gerade eine Fernbeziehung bedarf viel Arbeit, sie muss man ganz besonders pflegen. „Wir haben viel getan für unser Glück und versuchen, jeden Monat mindestens zehn Tage zusammen zu sein sowie die Urlaube gemeinsam zu verbringen.“ Annette hat den Mut gehabt, ihre Komfortzone zu verlassen. Bevor sie Marco kennenlernte, lag ihr Fokus auf der Arbeit, außerdem kümmerte sie sich um ihre kranken Eltern. Neben den häufigen Treffen mit ihrem Bruder beschränkten sich Annettes Verabredungen auf ihre Freundinnen Nicole, Claudia und Niki – und selbst die klappten nur selten. „Ich setze meine Prioritäten heute etwas anders und bin dankbar für mein erfülltes Leben. Das zu erkennen, hat auch etwas mit Erwachsenwerden zu tun“, sagt die 51-Jährige. Mit ihrem Wunsch, in ihrem Alter noch „Ja“ zu sagen, stieß sie häufig auf Unverständnis. Bekannte, aber auch Kundinnen waren verwundert, warum sie jetzt noch heiraten wolle und ob das in ihrem Alter nicht egal sei. „Früher war es mir wichtig, was andere sagen. Heute ist mir wichtig, dass ich mit mir selbst gut leben kann.“

Mit der Hochzeit hat Annette nun eine große italienische Familie dazugewonnen. In gewisser Weise schließt sich für die Berlinerin ein Kreis: Mit ihrer eigenen Familie verbrachte sie als junges Mädchen viel Zeit jenseits der Alpen. Mehrmals im Jahr ging es kreuz und quer über den Stiefel, um Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten auf- und auszubauen, damit die Schuhgeschäfte der Eltern stets die neuesten und schicksten Modelle im Regal stehen hatten. „Es waren die Läden, die mein Großvater bereits in den 50er-Jahren eröffnet hat“, sagt Annette. „Die Affinität zur Mode und damit auch zu Italien liegt sozusagen in der Familie.“ Ist es demnach an der Zeit, sich über den nächsten Schritt aus der Komfortzone Gedanken zu machen? Bedeutet das vielleicht gar das Ende der Fernbeziehung? Nun, ganz so weit will Annette nicht gehen und hat eine klare Antwort darauf: „Die nächsten Jahre werden wir sicher weiterhin getrennt leben. Was allerdings in fünf Jahren sein wird, wissen wir nicht. Ich kann mir aber gut vorstellen, zu ihm nach Italien zu ziehen.“

Die Zeit wird es dir zeigen, liebe Annette, da sind wir uns ganz sicher – und manchmal muss man einfach Vertrauen haben. So wie am Tag ihrer Hochzeit, als sie mitten auf dem See plötzlich seltsame Motorengeräusche vernahm. Der Freund am Steuer beruhigte sie und versicherte ihr, es sei alles in bester Ordnung. Sie solle einfach die Aussicht genießen und sich auf das freuen, was an diesem Tag vor ihr liegen würde. Alles ging gut. „Als wir anlegten, stieg ich wie eine Diva aus dem Boot. Die Gäste waren bereits da und haben mich empfangen“, erinnert sich Annette. „Das war wirklich ein ganz besonderer Auftritt.“

Was ihr Freund erst spät am Abend verriet: Das Boot wies tatsächlich einen Schaden auf, der ihm zuvor nicht aufgefallen war. Mit etwas Pech hätte der Motor mitten auf dem See seinen Geist aufgegeben und die Hochzeitsgesellschaft samt Bürgermeister auf die Braut warten müssen. „Doch es ist alles gut gegangen, das Vertrauen hat sich ausgezahlt.“ Genau mit diesem Vertrauen werden die beiden ihre gemeinsame Zukunft als Ehepaar planen. Ob in Berlin oder am Lago Maggiore, vereint oder in einer Fernbeziehung? Wir lassen uns überraschen!

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